Berliner Moritat

Ein Jüngling hatte einen Schatz, den sich sein Herz erkor.
Er wohnte am Louisenplatz und sie am Hall`schen Tor.
Er wohnte am Louisenplatz und sie am Hall`schen Tor.

Sie trafen sich, von Lieb entbrannt,
Einst in `nem Omnibus,
Drei Tage drauf in Moabit,
Da kam`s zum ersten Kuß.

Allein die Sache stand sehr schief,
Denn bei der letzten Wahl:
Ihr Vater wählte konservativ,
Der seine liberal.

Bis endlich faßt das Pärchen Mut,
Gesteht`s den Vätern ein,
Doch diese in Parteien-Wut,
Sie schreien beide nein!

Und als sie las beim Morgenlichte,
Die Tante Voß, o weh,
Da stand im Polizeibericht,
Man fand ihn in der Spree.

Sie sah den Rabenvater an
Mit einem Rabenblick,
Zur Schwefelsäure griff sie dann
Und sank entseelt zurück.

Und als des Mondes Licht so bleich
Am Himmel ging herauf,
Da hängten sich am Goldfischtiech
Die beiden Väter auf.

Also die Moritat verlief
Jünst bei der letzten Wahl:
Ihr Vater starb konservativ,
Der seine liberal.


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